Fakten-Check: Erhalt der Grundschulen

Schule im UmbruchIm Artikel Riskantes Bürgerbegehren zum Grundschulerhalt in Wilnsdorf habe ich erläutert, weshalb es zu einem Bürgerbegehren für den Erhalt der Grundschulen Anzhausen, Obersdorf und Wilden der Gemeinde Wilnsdorf gekommen ist.

Heute möchte ich die drei wichtigsten Argumente der Bürgerinitiative für den Grundschulerhalt kritisch hinterfragen.

1. Das neue Schulrecht

Die Bürgerinitiative argumentiert (sinngemäß):

„Dank des 8. Schulrechtsänderungsgesetzes vom 7. November 2012 können alle Grundschulen erhalten bleiben.“

So neu, wie uns der Inhalt des 8. Schulrechtsänderungsgesetzes angepriesen wird, ist er nicht. Schließlich ist der Entwurf des Gesetzes schon seit einigen Monaten bekannt.

Wie der Abschnitt IV. des Dokuments »Schulentwicklungsplanung für den Bereich der Grundschulen« der Gemeinde Wilnsdorf zeigt, wurden die Details des Gesetzes schon im September (vor dem Ratsbeschluss!) analysiert und bei den Beratungen berücksichtigt. Es kommen also keine neuen Fakten auf den Tisch.

Aber es ist korrekt: Der Erhalt der kleinen Grundschulen als Teilstandorte ist nach diesem Gesetz möglich.
Da das Gesetz aber keine zusätzlichen Lehrerstellen vorsieht, müssten die Stunden der sechs Lehrer für die Erstklässler des nächsten Schuljahres auf sieben Schulen verteilt werden.

Dass dies nur zu Lasten der Unterrichtsqualität aller Schulen geht, liegt auf der Hand.

2. Die Lehrerversorgung

Die Bürgerinitiative argumentiert (sinngemäß):

„Die ausreichende Lehrerversorgung aller Schulstandorte ist möglich.“

Die Zahl der Lehrerstellen wird anhand der Gesamtzahl der Schulanfänger innerhalb der Gemeinde berechnet.

Für die voraussichtlich 145 Schulanfänger im Schuljahr 2013/2014 werden vom Land NRW sechs Lehrerstellen zugewiesen. An dieser Anzahl ändert leider auch das »8. Schulrechtsänderungsgesetz« nichts.

Ein Lehrermangel ist also vorprogrammiert, wenn an sieben Schulen Eingangsklassen gebildet werden.
Schließlich stehen für sieben Eingangsklassen nur sechs Lehrerstellen zur Verfügung.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Anzhausener Konzept (außer in zwei von neun Schuljahren) mit Klassenstärken von 17 bis 19 Kindern plant. Diese Zahlen liegen deutlich unter der für eine volle Lehrerstelle erforderlichen Klassenstärke von 23. Durch die „Vereinnahmung“ einer ganzen Lehrerstelle für eine kleine Klasse werden den Grundschülern anderer Schulen „ihre“ Lehrerstunden vorenthalten.

3. Jahrgangsübergreifendes Lernen in Anzhausen

Die Bürgerinitiative argumentiert (sinngemäß):

„Jahrgangsübergreifendes Lernen sichert die Grundschule Anzhausen.“

Ja, jahrgangsübergreifender Unterricht könnte den Erhalt der Grundschule Anzhausen sichern. Das ausgearbeitete Konzept der Grundschule Anzhausen wurde allerdings vom Schulamtsdirektor des Kreises als „nicht tragfähig“ bewertet.

Einer der Gründe hierfür ist die häufige Teilung von Klassen während der Einführungsphase. Schon am Ende des aktuellen Schuljahres 2012/2013 müsste die jetzige erste Klasse geteilt werden!

Unerwähnt bleibt auch, dass der jahrgangsübergreifende Unterricht fünf Jahre nach der Einführung am Teilstandort Anzhausen nur fortgeführt werden kann, wenn auch am Hauptstandort des Grundschulverbundes nach diesem Modell unterrichtet wird. Die Schulleitungen und Elternvertreter der anderen Grundschulen haben dies aber abgelehnt.

Die Aussagen der »lehrer nrw«-Landesvorsitzenden Brigitte Balbach zeigen, dass die Vorbehalte der anderen Schulen nicht unbegründet sind:

Bestmögliche Förderung kann es für uns nur in jahrgangskonformen Klassen geben. Alle anderen Möglichkeiten sehen wir als Hilfskonstrukte an […].

Es darf nicht in erster Linie darum gehen, praktikable Lösungen für Probleme in den Kommunen zu suchen und zu finden, sondern es muss deutlich darauf geachtet werden, dass bestehende Qualität nicht langfristig abgebaut wird […].

Disclaimer 😉

Dass ich so oft in diesem Artikel Anzhausen erwähne, hat einen ganz simplen Grund: Viele der Informationen auf der Website grundschulerhalt-wilnsdorf.de beziehen sich auf die Grundschule Anzhausen.

Unsere jüngste Tochter wird im kommenden Schuljahr in Rudersdorf eingeschult. Wenn die Beschlüsse des Rates umgesetzt werden und die Anzhausener Eltern ihre Kinder in der Grundschule Rudersdorf anmelden, werden unsere Kinder gemeinsam eingeschult. Nichts liegt mir daher ferner, als einen Keil zwischen unsere Dorfgemeinschaften zu treiben.

Im Gegenteil: Lasst uns gemeinsam schauen, wie wir unseren Kindern einen schönen und erfolgreichen Start in die Schulzeit ermöglichen können.

Falls jemand mit dem von mir Gesagten nicht einverstanden ist: Nur zu, jeder darf hier kommentieren.
Das hat im letzten Artikel zum Thema ja auch ganz gut geklappt.

Bildquelle: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Weiterführende Informationen zum Thema

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2 Kommentare zu “Fakten-Check: Erhalt der Grundschulen”

Geschrieben von Benjamin Seidel am 12. April 2013 um 16:39 Uhr:

Interessiert habe ich die Diskussion in der Presse und jetzt auch im Internet verfolgt, weil ich an einer Schule in Morsbach arbeite, wo zur Zeit eine ähnliche Diskussion stattfindet: An einer noch selbstständigen Grundschule und einem Grundschulstandort sind mittelfristig nicht genügend Kinder, um hinreichend große Klassen bilden zu können. Hier hat die Gemeinde jedoch entschieden, dass alle Standorte erhalten bleiben sollen.

Zu Ihrem „Fakten-Check“ möchte ich anmerken:
1. Zum Schulrecht: Sie bemerken zu recht, dass das geänderte Schulgesetz den Erhalt kleiner Standorte ermöglicht. Das ist nun auch möglich, wenn an den Standorten der Unterricht unterschiedliche organisiert wird. Diese Ausnahme soll (!) zugelassen werden, wenn ein Konzept dazu vorliegt, dass Lehrer an allen Standorten eingesetzt werden können. Dieses Konzept dürfte nicht schwer zu erstellen sein, denn grundsätzlich sind alle Lehrer so ausgebildet, dass sie jahrgangsbezogen und jahrgangsübergreifend unterrichte können. Das wurde von der Schulaufsicht im Oberbergischen Kreis auch öffentlich so gesagt. In Morsbach wurde ganz selbstverständlich mit diese Ausnahmeregelung geplant.

Zur Lehrerversorgung: 7 Standorte bedeuten nicht zwangsläufig 7 Eingangsklassen. Durch beispielsweise nur drei jahrgangsübergreifende Klasse von 1-4 an den kleinen Standorten könnten auch bei 7 Standorten zusammengenommen nur 6 Eingangsklassen gebildet werden (durch Einschulung von drei „2/3-Eingangsklassen“ in die jahrgangsübergreifenden Klassen).
Zum jahrgangsübergreifenden Lernen: Die Kritik des Schulamtsdirektors bezieht sich nur auf die formelle Ausgestaltung. Durch Bildung von 3 jahrgangsübergreifenden Klassen an kleinen Standorten ständen genügend Lehrerstunden zur Verfügung, die Klassen könnten in durchschnittlicher Größe eingerichtet werden. Das Problem der häufigen Klassenteilungen könnte umgangen werden, wenn das Konzept zu einem Zeitpunkt X auf einen Schlag eingeführt wird. Dann wäre nur eine einmalige Neuaufteilung der Klassen nötig. Pädagogisch kann man jahrgangsübergreifenden Unterricht natürlich unterschiedlich bewerten, für mich ist er ein modernes und zukunftsfähiges Konzept (vgl. http://www.ggs-lichtenberg.de/images/Gruende1-4.pdf). Auch wenn anscheinend viele Wilnsdorfer Lehrer das Konzept ablehnen: Die Politik entscheidet, wo wie viele Klassen eingerichtet werden. Es würden sich dann mit Sicherheit gerade junge und engagierte Lehrer finden, die im jahrgangsübergreifenden Klassen arbeiten wollen.

Hallo Herr Seidel,

der Bürgerentscheid ist am Sonntag am Quorum gescheitert (http://nrw.mehr-demokratie.de/wilnsdorf.html).

Hoffentlich kehrt jetzt wieder Ruhe in Wilnsdorf ein und alle können sich gemeinsam um die Bildung unserer Kinder kümmern.

Gruß nach Morsbach
Stephan Nix

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